Die Tugend der Ignoranz, der neue Geist des Kapitalismus

Zur in der taz publizierten Forderung den 3. Weltkrieg auszulösen


Wie kann es sein, dass ein Autor in der taz zur Auslösung des 3.Weltkrieges aufrufen kann, ohne dass dies als struktureller Irrsinn begriffen wird?

In der taz vom 18.07.2022 ruft der Autor Udo Knapp dazu auf mit NATO-Truppen in die Ukraine einzumaschieren und den 3. Weltkrieg zu beginnen(1). Dies würde aufgrund der massiven russischen Unterlegenheit im konventionellen Bereich mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb weniger Wochen zum Atomkrieg führen.(2) Was wären die Folgen eines Atomkriegs?

In den ersten paar Stunden würden ein erheblicher Teil der Großstädte ausgelöscht, die Infrastruktur zerstört und weite Teile Deutschlands radioaktiv verseucht. Aus den Erfahrungen der Atombombenabwürfe auf Japan ist weiteres bekannt (die Größe heutiger Sprengköpfe beträgt teils das 500fache der Hiroshima Bombe). Viele Schwerverletzte werden in die Flüsse fliehen, so das diese sich mit Leichen füllen und zu Auslösern von Seuchen werden. Gleichzeitig brechen Gas-, Strom- und Wasserversorgung zusammen und dies im Gegenteil zu Japan nicht regional begrenzt, sondern im gesamten Bundesgebiet. Innerhalb weniger Monate nach dem nur wenige Stunden dauernden Atomkrieg wird ein Großteil der deutschen Bevölkerung unter unsagbaren Qualen verenden, verdursten, an Seuchen sterben, an Spätfolgen der Verstrahlung dahinsiechen oder in den ausbrechenden Konflikten um die letzten verfügbaren Lebensmittel von der NachbarIn ermordet werden. Danach würde vielleicht noch 1 Millionen Menschen in Deutschland leben. Aber die, die gestorben sind, wären vermutlich als 'glücklicher' zu bezeichnen. Ein 13 jähriges Mädchen, mit dem 'Glück' zu überleben, würde dann vor der Wahl stehen, irgendwo in einem Kellerversteck einsam zu sterben oder sich nach dem Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung einer der marodierenden das Land beherrschenden Banden als Kinderprostituierte anzubieten oder durch Vergewaltigung dazu gemacht zu werden. Ihr 10 jähriger Bruder würde unterdessen lernen für eine Flasche Wasser zu töten und mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls sexuelle Gewalt und andere Übergriffe erleiden. Und selbst die, die all dies überleben, hätten aufgrund der Strahlung nur eine kurze Lebenserwartung und auch ihnen wäre ein qualvoller Tod sicher.

Nun ist der Autor aber kein asozialer geistesgestörter Psychopath, was angesichts dessen, was er fordert, an sich die naheliegende Schlussfolgerung wäre, leider ist er im Gegenteil Beispiel einer sehr viel bedrohlicheren Entwicklung in dieser Gesellschaft. Er ist offensichtlich vollständig inkompetent zum komplexen Denken, der Berücksichtigung komplexer Folgewirkungen des eigenen Handelns und komplexer historisch politischer Ursachen für politische Konflikte. Deutlich wird dies z.B. an der absurden Behauptung, die NATO-Staaten wären Garant für Demokratie und Völkerrecht. Als Altachtunsechziger und früherer Maoist, geboren 1945(3), ist ihm die dazu im krassen Widerspruch stehende us-amerikanische, französische, britische, belgische, usw. Machtpolitik der Jahrzehnte seit dem 2ten Weltkrieg sicher bekannt. Und die Aussage bedarf einer extremen Verdrängungsleistung. Die gleichzeitige Verdrehung dessen, wer zum totalen Wirtschaftskrieg aufgerufen hat, wenn er schreibt: "Putin bedient sich skrupellos aller denkbaren wirtschaftlichen Instrumente, um den Westen zu spalten und in innere Krisen zu treiben." zeigt angesichts der Realität, des wirtschaftlichen Angriffskrieges der NATO auf Russland, Stichwort "Russland ruinieren", dass der Autor zusätzlich in einer virtuellen Scheinwelt lebt. Dies führt zusammen mit völliger Ignoranz zu einem vollständig asozialem Agieren, das nicht nur ohne jegliches Schuldgefühl, sondern sogar als moralisch überlegene Position begriffen wird. Folgt man den Spuren von Texten des Autors, scheint er spätesten seit Ende der 1980er Jahren, den Denkstil seines ehemals dogmatischen Maoismus aus Studententagen, im Zuge seiner beruflichen Karriere und politischer Wandlungsprozesse nach rechts, übertragen zu haben auf eine ebenso dogmatische Überzeugung, der Alternativlosigkeit der Entwicklung hin zum globalisierten System des Finanz- und Digitalkapitalismus.(4) Und vergleichbar der Entschuldung der Gewalt des Maoismus in früheren Tagen, werden nun die dieses System tragenden Kräfte (NATO, westliche Kapitalfraktionen) moralisch stark überhöht.

Das der Autor, ein 77 Jahre alter ehemaliger Anhänger des autoritären Maoismus, zum kriegstreibenden Anhänger der globalen kapitalistischen Eliten mutiert ist, ist dabei erst einmal nichts ungewöhnliches. Dieser Weg aus dem autoritär marxistischen oder maoistischen Teil der 68er Bewegung stammender Funktionärscharaktere, der Autor war SDS Vorsitzender, nach rechts in die Mitte der Gesellschaft findet sich bei einer ganze Reihe seiner Genossen wieder.(5) Und das Konvertiten besonders militant argumentieren ist auch nichts neues. Und zumindest kann man ihm Konsequenz nicht abstreiten, gehörte er doch bereits im ersten Golfkrieg, damals noch als grünes Parteimitglied, zu den radikalen BellizistInnen. Auch der Mangel an Selbstreflexion und die völlige Abwesenheit von Zweifeln an der eigenen Analyse gehört sozusagen zur Charaktermaske dieses Typus. Erklärungsbedürftig ist aber, wieso ein solches vollständig verantwortungslosen Agieren, noch dazu verbunden mit überbordendem selbstgerechten Moralismus, ein Forum auch innerhalb von Teilen sich selbst als progressiv verstehender Linker und Linksliberaler findet.(6) Als Ausgangspunkt, um dies zu begreifen, soll im folgenden das Denken des Projekt basierten Kapitalismus herangezogen werden.

In ihrem Buch "Der neue Geist des Kapitalismus"(7) haben Luc Boltanski und Éve Chiapello 1999, an Hand der Auswertung von Texten der Managementliteratur und ihres Niederschlags in der Realität des Kapitalismus, die sich neu herausbildenden Sozialstrukturen analysiert. Obwohl ihre Analysen teils die Kritik vermissen lassen, sind ihre Thesen als Strukturdarstellung sehr schlüssig und sie können, etwas gegen den Strich gelesen, aktuell als Grundlage genutzt werden gesellschaftliche und politische Prozesse in anderen Bereichen zu begreifen.

Wie kann es dazu kommen, dass als Reaktion auf eine Pandemie PolitikerInnen und die Verwaltungstechnokratie tiefgreifende gesellschaftspolitische Maßnahmen beschließen unter ausschließlicher Berücksichtigung der Vorgaben einer kleinen Zahl an Spezialisten aus dem Bereich der Infektionsbiologie und unter Ausblendung aller Nebenwirkungen dieser Maßnahmen und weitgehender Vernachlässigung jeglicher Abwägungen?
Und wie ist es begreifbar, dass eine komplexe außenpolitische Problemlage wie der Ukrainekonflikt von fast den selben PolitikerInnen auf ein simplifiziertes Schwarz-Weiß-Narrativ reduziert wird und dieses zum Handlungsimperativ für Fragen von Frieden und Krieg (Atomkrieg) erklärt wird?

Ein Teil der KritikerInnen dieser Politiken führt dies auf strukturelle Korruption und eine zynische Politik der Wahrung von Interessen des individuellen Machterhalts oder der Machtausweitung dieser PolitikerInnen zurück. Dies mag in Einzelfällen stimmen, das Gespann Dick Cheney und Donald Rumsfeld wäre dafür ein Beispiel aus früheren Tagen, auf der Basis des Buches von Boltanski/Chiapello ergibt sich aber noch eine andere sehr viel bedrohlichere Erklärung. Nach Boltanski/Chiapello bildet sich ein Projekt basierter Kapitalismus heraus, in dem es nicht mehr um den Aufbau langfristiger Strukturen geht, sondern um das erfolgreiche Agieren in kurzfristigen Projektzusammenhängen. Entsprechend wandeln sich Ideologie und Moral des Führungspersonals. Als kompetent gilt nun, wer sich auf das für den jeweiligen Projekthorizont relevante zu konzentrieren weiß. Den Einbezug des Umfeldes und der langfristiger Auswirkungen des Projektes in komplexen gesellschaftlichen Verhältnissen zu fordern, wird zum Zeichen veralteten Denkens, ja zum Zeichen der Inkompetenz zur Anpassung an die Forderungen der Moderne. Diese neuen 'Eliten' entwickeln außerdem eine neue Moral. Als NetzwerkerInnen, für die es von zentraler Bedeutung ist, im Umbruch von Projekt zu Projekt ihre Stellung in den Netzwerken immer wieder neu abzusichern, ist für sie moralisch richtiges Handeln vor allem dadurch bestimmt, dass die Beteiligten an den Netzwerken sich gegenseitig zu stützen haben. Dies ist Zentrum ihrer Moral und ihrer Wertung von Gut und Böse. Die AutorInnen benennen diese soziale Struktur mit dem Begriff der Projekt basierten Polis. Sie ist seit Erscheinen des Buches 1999 in immer weitere Bereiche der Gesellschaft als Organisationsstruktur diffundiert. Dabei kam und kommt den großen Stiftungen des Finanz- und Digitalkapitalismus mit ihren 'Unterstützungs'angeboten für politische Think Tanks, NGO und Medien eine zentrale Rolle bei der Verbreitung dieser Ideologie zu. Im politischen Diskurs zeigt sich die moralische Aufwertung des Tunnelblicks z.B. im moralisierendem Vorwurf des "Whataboutism" gegenüber all jenen, die fordern konkrete Konflikte im historischen Kontext mit anderen Konflikten zu bewerten.

Blickt man mit diesem analytischem Instrumentarium auf den schon länger währenden Ukrainekonflikt und auf die aktuellen politischen Reaktionen zum Krieg ist das Handeln z.B. einer Annalena Berbock fast zwingend. Als junges gerade gefördertes Mitglied der Netzwerke ist sie moralisch verpflichtet anderen Mitgliedern der Netzwerke Beistand zu leisten, dies ist das moralisch Gebotene in der Projekt basierten Polis, in der sie sich bewegt. In dieser Moral ist sie primär diesen Netzwerken verpflichtet und nicht ihren WählerInnen oder einer politischen Idee oder dem Grundgesetz u.a.. Die ukrainischen PartnerInnen gehören zum Netzwerk, die russischen AkteurInnen nicht. Und der ahistorische Tunnelblick, mit dem der Konflikt betrachtet wird, ist im Denken der Projekt basierten Polis kein Fehler, sondern eine Forderung der Tugend. Die Blindheit gegenüber komplexen und langfristigen Auswirkungen des eigenen Handelns, außerhalb des eigenen Projekthorizontes, ist nicht instrumentell vorgespiegelt, sie ist handlungsleitende Maxime. Hier liegt der gefährliche Unterschied zu zynischen MachtpolitikerInnen. Diese werden rein aus Egoismus alles tun einen Atomkrieg oder einen nicht intendierten allgemeinen Wirtschaftszusammenbruch zu verhindern. Der Projekt basierten PolitikerIn und den mit ihr verbundenen JournalistInnen und NGO-AkteurInnen, der neuen staatsnahen NGOs, für die der Tunnelblick zu den wichtigsten Tugenden zählt, ist aber durchaus zuzutrauen, das eine oder das andere aus Ignoranz auszulösen. Der Umgang mit dem Text von Udo Knapp ist dafür ein beängstigendes Beispiel.


— Ein Anarchist —, Juli 2022

Ende





Fußnoten

(1) — Gibt der Westen auf? Warum die Nato mit eigenen Bodentruppen die völkerrechtswidrig in die Ukraine eingedrungene Armee Putins zurückschlagen muss. - Udo Knapp - taz FUTURZWEI, 18.07.22 - https://taz.de/Russlands-Angriffskrieg/!5869072/

(2) — Der Glaube der taktische Einsatz von Atomwaffen ließe sich aufs Gefechtsfeld begrenzen ist leider so verbreitet wie falsch, denn, wo endet das Gefechtsfeld im modernen Krieg (Rammstein)?

(3) — Udo Knapp - https://de.wikipedia.org/wiki/Udo_Knapp

(4) — Hier bleibt er im gewissen Sinn Marxist, wenn er die Entwicklungslinie der Produktivkräfte als alternativlos ansieht.

(5) — Einige sind dabei auch zum rechtsradikal-völkischen Nationalismus übergewechselt, z.B. der Publizist Jürgen Elsässer (ehemals Kommunistischer Bund).

(6) — Damit meine ich nicht die taz, sondern die LeserInnen. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass in der Redaktion der taz nicht noch Verantwortliche sitzen, die genau wissen, was sie hier tun, eben Propaganda zu betreiben für die Auslöschung von ca. 50% der Menschheit inklusive Gewaltexzessen jenseits des Vorstellbaren. Die Entscheidung für diese Veröffentlichung dürfte innerhalb der taz primär für den Artikel als Clickbaite gefallen sein. Sollte dies zutreffen, verhält sich die taz aber nicht anders als rechtsoffene Publikationen, die durch rechtsradikale Tabubrüche der Sagbarmachung menschenfeindlicher Relativierungen der NS-Verbrechen, versuchen LeserInnen anzulocken. Das heißt den Verantwortlichen in der taz Redaktion ist durchaus menschenverachtender Zynismus zu unterstellen.

(7) — "Der neue Geist des Kapitalismus" - Luc Boltanski / Éve Chiapello - Editions Gallimard, Paris, 1999 - Deutsche Erstausgabe: UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz, 2003



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Aktualisiert 22.05.2023